WhiteWall Magazin

Bildaufbau, Teil 2

Lampe
Lampe Dreieck

Die Lampe bildet mit dem Mann links und der Frau rechts ein ruhiges Dreieck, das gegen die Bewegung der einfahrenden U-Bahn steht.
Info: 17 mm | f5,6 | 1/30 s | ISO 1 600

Dreieck

Wenn Sie drei Personen fotografieren möchten, ist es die langweiligste Variante, diese direkt nebeneinander anzuordnen. Wenn die Köpfe ein Dreieck bilden, ist die Komposition interessanter und das Bild meist schöner. Wenn das Dreieck mit der Spitze nach oben weist, wirkt der Aufbau am stabilsten und das Bild am ruhigsten. Mit der Spitze nach unten ist der Eindruck labiler. Wenn das Dreieck schräg steht, kommt mehr Dynamik ins Bild. Je nach gewünschtem Bildeindruck können unterschiedliche Anordnungen am besten wirken. Den Einfluss des Dreiecks auf die Bildwirkung sollten Sie sich bei der Aufnahme bewusst machen, sonst entdecken Sie später im Bild ein irritierendes Moment, das allein aus der Bildkomposition herrührt. Das Dreieck als Kompositionsprinzip wird nicht nur bei Gruppenaufnahmen bewusst wahrgenommen, es kann auch bei jedem anderen Motiv auftauchen und die Bildwirkung beeinflussen.

Portrait Mutter
Portrait Familie

Links: Das Dreieck der Köpfe steht schräg und bringt Dynamik ins Bild. Durch die mittige Position der Mutter und ihre Handhaltung vermittelt das Bild trotzdem eine gewisse Sicherheit (Ungarn, Ende 19. Jahrhundert).

Rechts: Die Eltern nehmen die gleiche Pose ein, und ihre Köpfe liegen auf gleicher Höhe. Der Kopf des Kindes bildet mit denen der Eltern ein auf der Spitze stehendes Dreieck. Das Kind wirkt zwischen den Eltern auch durch die Bildkomposition etwas verloren (Ungarn, 1931).

Punkte

Wenn die Bildelemente so klein werden, das sie als Fläche keine Rolle mehr spielen, ist nur noch ihr Ort, ihre Helligkeit und ihre Farbe wichtig. Sie werden dann gestalterisch als Punkte wahrgenommen. Ein Punkt kann durch seine Position eher ruhig sein oder Spannung aufbauen, er kann in einer Beziehung zu einer Fläche stehen oder mit mehreren Punkten einen fast musikalischen Zusammenhang bilden. Generell ist ein Punkt ein eher dynamisches Element. Der Betrachter verbindet die Orte der Punkte miteinander und so können Eckpunkte auch Formen oder Linienbögen erzeugen.

Skizze Dreieck
Blumen
Blumen Skizze

Die gelben Blüten vor dem Bach ziehen das Auge stark an, trotzdem wirkt das Bild relativ ruhig, weil die Punkte fast ein Gleichgewicht bilden.
Info: 100 mm | f2,8 | 1/1000 s | ISO 400 | Makroobjektiv

Goldener Schnitt

Der Goldene Schnitt ist eine seit der Antike bekannte Gestaltungsregel. Eine Strecke wird so unterteilt, dass das Verhältnis vom kleineren Teil zum grösseren Teil dem des grösseren Teils zur Gesamtstrecke entspricht. Die Teilung liegt dann bei ungefähr 0,618 bei einer Strecke von 1. In Wirklichkeit hat die Zahl unendlich viele Nachkommastellen, aber so genau werden Sie ohnehin nicht gestalten können. Anders ausgedrückt ist das Verhältnis 1:1,618, die gleichen Nachkommastellen sind kein Zufall, sondern eine Folge der mathematischen Besonderheit dieses Verhältnisses. Der Goldene Schnitt ist ein in der Natur häufig vorkommendes Verhältnis, Sie werden ihn aber auch in der Architektur und in der Kunst wiederfinden, in der Typografie und im Produktdesign.

Der goldene Schnitt

Der goldene Schnitt teilt eine Strecke so, dass a : b = (a + b) : a. Das heisst, dass die grössere Teilstrecke zur kleineren im selben Verhältnis steht wie die Gesamtstrecke zur grösseren.

See
See Skizze

Das Boot befindet sich im goldenen Schnitt. Aber auch die Bildhöhe zur Breite steht im Verhältnis des Goldenen Schnitts.
Info: 22 mm | f7,1 | 1/60 s | ISO 640

Drittelregel

Die Drittelregel hilft ebenfalls, einen harmonischen Bildaufbau zu erzielen. Sie ist in den letzten Jahren sehr populär geworden, weil sie sehr einfach zu erklären ist und inzwischen sogar in Photoshop und in machen Kameradisplays einblendbar ist. Man teilt die Bildfläche waagerecht und senkrecht in je drei gleich grosse Bereiche und versucht, die wesentlichen Motivelemente an den Grenzlinien dieser Bereiche auszurichten oder auf die Schnittpunkte zu legen.
Ich persönlich würde die Drittelregel eher als ein einfaches Hilfsmittel betrachten, das Ihnen dabei hilft, das Motiv aus der Mitte zu rücken. Auf Dauer sollten Sie sich auf ihr eigenes Harmonieempfinden verlassen und das Motiv dort positionieren, wo es Ihnen perfekt stimmig erscheint. Und vergessen Sie auch nicht, dass es nicht immer darum geht, Harmonie zu erzeugen, manchmal wollen Sie auch Spannung im Bild erzielen, und da ist eine perfekte Ausgeglichenheit nicht förderlich. Bei vielen Kameras können Sie sich dieses Dreierraster im Display anzeigen lassen, beim Freistellungswerkzeug ab Photoshop CS5 lässt es sich auch einblenden. Auch wenn Sie sich nicht genau an die Dreierregel halten möchten, kann das Raster bei der Positionierung nützlich sein. An die ewige Wahrheit des Goldenen Schnitts, den die Römer die »göttliche Proportion« nannten, kommt die Drittelregel nicht im Mindesten heran.

Drittregel
Drittregel Skizze

Die Drittelregel mit überlagertem Raster. Das unbeschnittene Original des Bildes (oben) ist spannungsvoller und eleganter, weil es sich nicht genau an die Drittelregel hält.
Info: 24 mm | f10 | 1/800 s | ISO 160

Dynamischer oder statischer Aufbau

Allein durch die Komposition können Sie ein Bild ruhig oder bewegt wirken lassen. Wenn Sie zum Beispiel vor einem Haus stehen, können Sie sich parallel vor die Fassade stellen und, falls Sie etwas nach oben fotografieren, die stürzenden Linien komplett ausgleichen. Das Ergebnis wird ein ruhiges Bild werden, wenn nicht die Architektur an sich schon sehr dynamisch ist. Oder Sie stellen sich an die Ecke des Hauses, nehmen die Fassade in die Flucht, gleichen die stürzenden Linien nicht aus und stellen, wenn Sie es auf die Spitze treiben wollen, die Kamera noch schräg. Die Senkrechten sind dann verschwunden, das Bild wird von Schrägen dominiert und das Haus scheint zu kippen.
Ob Sie nun bei einem Haus unbedingt einen bewegten Eindruck erzeugen wollen, sei dahingestellt, im Einzelfall aber ergibt das durchaus Sinn. Bei wirklich bewegten Motiven sollten Sie diese Gestaltungsmittel parat haben, denn ein Bild von einem Autorennen oder einem schnell laufenden Tier, das statisch wirkt, wird dem Thema oft nicht gerecht. Wobei auch manchmal der Kontrast zwischen Inhalt und Gestaltung den Reiz eines Bildes ausmachen. Auch wenn Sie das Bild sehr dynamisch aufbauen, sollten Sie auf ein Gleichgewicht in der Komposition achten. Ansonsten kann das Foto so unruhig wirken, dass es den Betrachter nervös macht wie ein schief hängendes Bild an der Wand.

Petri Kirche
Petri Kirche Skizze

Trotz des sehr dynamischen Aufbaus ist die Komposition sehr klar. Die Bildecken scheinen die Schrägen etwas aufzufangen, das Bild ist nicht nur einfach schräg gestellt, sondern recht genau konstruiert worden (Petri-Kirche, Lübeck).
Info: 24 mm | f11 | 1/40 s | ISO 100 | Tilt-Shift-Objektiv

Aufbau

2) Die Komposition dieses Bildes besteht aus kontrastreichen Schrägen. Trotz der kühlen Farbe wirkt es sehr dynamisch.
Info: 12 mm | f8,0 | 15 s | ISO 1 600
3) In diesem Bild gibt es ausschliesslich waagerechte und senkrechte Linien. Trotz des Hochformats und obwohl die Senkrechte betont wird, ergibt sich ein statischer und ruhiger Gesamteindruck (Vodafone-Hochhaus, Düsseldorf).
Info: 40 mm | f11 | 1/180 s | ISO 100 | APS-C-Sensor | Perspektivkorrektur in Photoshop

Einfachheit

Wenn Sie ein gutes Bild schaffen möchten, sollte Ihr Ziel sein, alles Unnötige wegzulassen, und nicht, alles Mögliche hinzuzugeben. Warum sollten Sie ein Element hinzufügen, das an sich keinen Sinn hat? Und warum sollten Sie ein Stilmittel verwenden, das für die Bildaussage keinen Gewinn bringt?
Es ist nicht nur so, dass aufgeräumtere Bilder schneller verstanden werden, sie werden auch als schöner empfunden. Das betrifft nicht nur die Fotografie, sondern auch die Architektur und das Design. Das »Weniger ist mehr« von Mies van der Rohe, einem Bauhaus-Architekten, hat auch heute noch fast überall Gültigkeit. Es kann Spass machen, aus dieser Klarheit ab und zu auszubrechen und Bilder zu schaffen, die geradezu überladen sind, aber auf Dauer kommt man mit reduzierterer Gestaltung weiter. Sie haben oft genug Schwierigkeiten, ein Motiv frei von störenden oder zumindest ablenkenden Elementen zu fotografieren. Wenn Sie ein schlichtes und klares Bild aufnehmen können, dann tun Sie das auch. Manche Fotografen haben Gewohnheiten entwickelt, die dem entgegenstehen. Zum Beispiel wollen sie immer Elemente im Vordergrund haben, die das eigentliche Motiv einrahmen, oder sie beachten zu wenig, was im Hintergrund des Motivs vor sich geht und haben so oft ungewollte Details im Bild. Freuen Sie sich nicht nur über Ihre guten Bilder, schauen Sie sich auch die schlechten an, und fragen Sie sich, warum diese nicht wie erwartet ausgefallen sind.

Winterliche Abenddämmerung. Die Schärfe wurde auf die entfernten Äste gelegt. Ein Versuch, die Atmosphäre wie bei einem japanischen Haiku skizzenhaft einzufangen.
Info: 50 mm | f1,4 | 1/100 s | ISO 800 | APS-C-Sensor

Abenddämmerung

Als ich ein Unternehmensporträt einer Modefirma aufnahm, fiel mir die Schneiderpuppe auf, die ein so klares, schwarzweisses Bild ergab.
Info: 50 mm | f2,0 | 1/60 s | ISO 250

Schneiderpuppe

Beschnitt

Nicht immer gelingt es, bereits bei der Aufnahme alle störenden Details aussen vor zu lassen. Manchmal findet sich kein Ausschnitt, der wirklich stimmt und der in das das vom Sensor vorgegebene Seitenverhältnis passt. Wenn Sie das Bild am eigenen Rechner betrachten, haben Sie mehr Ruhe als in der Aufnahmesituation und können oft durch den Beschnitt des Bildes ein sehr viel besseres Foto erzielen. Sei es, dass Sie etwas Störendes wegschneiden oder dass die Bildelemente im Endformat so sehr viel harmonischer angeordnet werden können.
Zu meinen analogen Zeiten gehörte ich zwar auch zu den Fotografen, die immer das vollständige Negativ vergrösserten, aber damals hatte ich auch Kameras mit vier unterschiedlichen Seitenformaten zur Auswahl. Heute versuche ich eher, mir Mühe zu geben, die technische Qualität der Aufnahmen so hoch zu halten, dass die Sensorauflösung auch genutzt wird, so dass ich später mehr Spielraum für alternative Ausschnitte habe. Trotzdem ist es natürlich mein Ziel, schon das Ursprungsbild so gut wie möglich ins Format zu setzen.

Nach dem Beschnitt hat das Motiv mehr Raum im Bild, das Format ist schöner und ausser den Passanten lenkt kaum noch etwas ab.

Basiliuskathedrale

Dieses Bild der Basiliuskathedrale wurde praktisch im Vorbeigehen geschossen. Das Motiv ist zu mittig und vieles auf dem Bild ist unwichtig. Das rechte Drittel trägt nichts zum Bild bei, der Zaun stört, und der gesamte Bereich links hinter dem Denkmal ist ebenfalls verzichtbar.
Info: 22 mm | f5,6 | 1/1250 s | ISO 100

Basiliuskathedrale 2