WhiteWall Magazin

Bildaufbau, Teil 1

Der Evinger Hammerkopfturm passt genau in das Fenster des Nebengebäudes. Die Position der Kamera musste sehr exakt gewählt werden, damit dieses Bild möglich wurde (analoges Grossbilddia von 1993, 90 mm Weitwinkel; an einer Digitalkamera würde dem ein 24-mm-Shiftobjektiv entsprechen).

Evinger Hammerkopfturm

So einfach haben Sie es nicht immer, wenn Sie die Aufmerksamkeit auf das Hauptmotiv lenken wollen. Trotzdem benötigte ich etwas Zeit, um störende Elemente im Bild zu vermeiden und trotzdem den Pfeil direkt auf das Gebäude zeigen zu lassen.
Info: 17 mm | f15 | 1/60 s | ISO 125

Uni Ruhr

Natürlich können Sie die Bildelemente nicht völlig frei auf der Fläche des Bildes anordnen. Sie sind gebunden durch die Abbildungsgesetze und bestimmte, schwer veränderliche Eigenschaften des Motivs. Aber Sie sind wahrscheinlich freier, als Sie denken, denn Sie haben über den Standpunkt, den Bildausschnitt, die Brennweite, das Licht und das Format sehr mächtige Einflussmöglichkeiten auf die Bildgestaltung. Und bei vielen Motiven können Sie sogar die Anordnung im Raum noch beeinflussen, weil sie beweglich sind.
Allzu oft wird man sich vor Ort gar nicht der unzähligen Alternativen bewusst und fotografiert eher so, wie der erste Eindruck war. Das können Sie auch ruhig tun, doch nach diesem ersten Bild sollten Sie überlegen, wie Sie das Motiv noch besser einfangen können und welche Möglichkeiten der Ort dafür zur Verfügung stellt.

Blickführung

Das Auge tastet jedes Bild ab und wird dabei von bestimmten Elementen mehr angezogen als von anderen. Helle Flecken und starke Kontraste, Gesichter und Buchstaben ziehen den Blick an, Linien ziehen ihn in eine Richtung und die natürliche (kulturell bedingte) Leserichtung spielt auch eine Rolle. Wenn der Bildaufbau das Auge dabei unterstützt, die wesentlichen Details zu erfassen, wirkt das Bild insgesamt besser. Er kann leider auch Nebensächlichkeiten hervorheben oder die Augen unruhig springen lassen, weil eine Ordnung schwierig zu erkennen ist. Beobachten Sie sich selbst, welchen Weg die Augen nehmen, wenn Sie ein gutes Bild erfassen. Versuchen Sie festzustellen, was der Fotograf unternommen hat, damit sich das Bild so gut erschliesst.

Der Bildaufbau kann sogar dazu führen, dass sich bestimmte Objekte zu bewegen scheinen, weil durch die Komposition des Bildes eine Dynamik entsteht oder ein Ausgleichsbestreben angedeutet wird. Es gibt eine Art »visuelle Schwerkraft«, die eine Anziehung auf Bildobjekte ausübt, so dass der Betrachter eine Bewegung herbeisehnt. Das ist ein wenig vergleichbar mit einem Schlagzeuger, der den Beat etwas "verschleppt", so dass der Zuhörer dann schon fast selbst auf die Trommel schlagen möchte. Wenn Sie Objekte etwas weiter aussen anordnen, als sie harmonisch im Format sitzen würden, wenn Sie Objekte an schrägen Linien anordnen oder perspektivische Verzeichnung nutzen, um Bildteile schräg ins Bild ragen zu lassen, immer dann erzeugen Sie Bewegung im Bild. Homogene Flächen geben dem Blick kaum Halt. Der Betrachter nimmt dann jede Linie auf, die wegführt, oder das Auge sucht nach dem nächsten starken Kontrast. Lassen Sie Ihren Bildaufbau nicht von technischen Details bestimmen. Die Position des AF-Messpunktes im Sucher sollte nicht darüber bestimmen dürfen, an welcher Position im Bild sich Ihr Motiv wiederfindet. Üben Sie die Messwertspeicherung, und emanzipieren Sie sich von den Vorgaben Ihrer Kamera.

Links: Dieses Bild wurde gespiegelt. Hier wandert der Blick zur vorderen Kante der Lok, von wo er nach rechts zum Fluchtpunkt gezogen wird. Die Lok scheint wegzufahren.

Lok_1

Im Originalbild (rechts) ziehen die weissen Linien den Blick zur Front der Lok, wo er fast zur Ruhe kommt. Die Lok scheint anzukommen oder zumindest zu stehen.
Info: 120 mm | f5,6 | 1/100 s | ISO 200

Lok_2

In der linken Bildhälfte findet der Blick kaum Halt ausser an der Tauen, die ihn weiter in den Bildhintergrund führen. Die gelbe Linie rechts unterstützt dies. Trotzdem kehrt das Auge manchmal zum Tau links oben zurück, weil der starke Kontrast es anzieht.
Info: 12 mm | f16 | 1/100 s | ISO 200

Hafen

Diagonale

Eine Linie, die schräg die Ecken des Formats verbindet, nennt man Diagonale. Durch die Leserichtung von links nach rechts wird eine Diagonale, die von links oben nach rechts unten führt, als absteigend bezeichnet, von links unten nach rechts oben als aufsteigend. Eine absteigende Diagonale ist ruhiger und weniger spannungsvoll, Sie leitet den Blick manchmal zu schnell wieder aus dem Bild. Trotzdem bringt sie viel mehr Bewegung ins Bild, als es waage- oder senkrechte Linien vermögen. Eine aufsteigende Diagonale hält den Blick länger im Bild und wirkt anregender. In diesem Bildbeispiel wurde die Aufnahme für das zweite Bild gekontert. Das ist ein Kunstgriff, den Sie selten bis nie anwenden sollten, weil man es bei vielen Motiven bemerkt und es bei anderen die Wirklichkeit zu sehr verändert. Einzig ein Selbstporträt wird Ihnen so vielleicht natürlicher vorkommen, weil Sie es gewohnt sind, sich selbst im Spiegel zu sehen.

Die absteigende Diagonale ergibt einen eher ruhigen Bildaufbau, der Blick wird allerdings sehr schnell aus dem Bild geführt, und der Betrachter verbringt wenig Zeit mit den Details.
Info: 140 mm | f8,0 | 1/800 s | ISO 160

Porto_1

Hier wurde das Bild gespiegelt, um den Unterschied zur aufsteigenden Diagonale zu verdeutlichen. Der Blick wird hier eher im Bild gehalten, um sich mit den Häuserfassaden der Hafenpromenade von Porto zu beschäftigen. Das Bild wirkt insgesamt etwas lebendiger.

Porto_2

Horizont

Wenn Sie die Kamera gerade halten, liegt der Horizont in der Mitte des Bildes. Häufig sieht man den Horizont nicht, weil er durch Objekte im Vordergrund verdeckt ist, allerdings wird auch dann der Fluchtpunkt auf der Horizontlinie liegen. Bei geometrischen Motiven wird man also immer erahnen, wo der Horizont liegt. Ein Horizont in der Mitte ist spannungslos, führt nicht zu stürzenden Linien und ergibt oft die langweiligste mögliche Bildvariante. Den Horizont aus der Bildmitte zu rücken, ist also meistens ein Vorteil, dabei beeinflusst die resultierende Lage des Horizonts die Bildstimmung stark. Wenn Sie den Horizont weit unten ins Bild legen, wird die Ferne und Weite der Landschaft betont, das Bild wirkt leicht und offen und im wahrsten Sinne des Wortes luftig, weil der Himmel einen grossen Teil des Bildes einnimmt. Wenn Sie den Horizont im Bild nach oben setzen, betonen Sie die Schwere und die Nähe. Das Objektiv ist nach unten geneigt und erfasst mehr vom Boden. Sie erzeugen durch eine solche Bildaufteilung eine Landschaft, durch die das Auge hindurchwandern kann, bis es an die Himmelskante stösst. Die Stimmung eines solchen Bildes kann manchmal etwas bedrückend sein und zwar umso mehr, je höher der Horizont liegt. Natürlich kann der Horizont auch unterhalb oder oberhalb der Bildgrenzen liegen, was zur Vereinfachung des Bildaufbaus beiträgt. Wenn der Horizont oberhalb liegt, bekommt das Bild etwas Geschlossenes, wenn er unterhalb liegt, steht das Motiv gegen den Himmel oder es ist der Himmel selbst.

Die Hafenmole von Le Tréport: Der Blick kann nicht zum Horizont abwandern, sondern bleibt im Bild. Der Bildaufbau wird grafischer und klarer.
Info: 300 mm | f6,3 | 1/500 s | ISO 400

Die Hafenmole von Le Tréport

Der tief liegende Horizont lässt das Bild sehr leicht und luftig wirken. Man kann den Wind fast spüren.
Info: 17 mm | f11 | 1/250 s | ISO 125

Horizont

Moskau. Der mittlere AF-Messpunkt half dabei, den Fluchtpunkt exakt in die Mitte zu legen. Die symmetrische Bildauffassung betont die Symmetrie der Architektur.
Info: 17 mm | f9,0 | 1/125 s | ISO 400

Kaufhaus Gum in Moskau

Symmetrie

In der Natur kommt Symmetrie erstaunlich häufig vor. Sie selbst sind, zumindest weitgehend, spiegelsymmetrisch. Das gilt für einen grossen Teil der Lebewesen und einen kleineren Teil der Pflanzen oder der Pflanzenteile. Symmetrie wird auf einer sehr tiefen Stufe der Wahrnehmung erkannt und auf eine sehr unmittelbare Weise als schön empfunden. Wenn Sie symmetrische Objekte fotografieren, dann sollten Sie die Symmetrie entweder exakt abbilden oder deutlich von ihr abweichen. Wenn Sie einen Innenraum aufnehmen, dann stellen Sie sich also entweder exakt in die Mitte und richten Ihre Kamera auf die Zentralachse aus, oder Sie verlassen die zentrale Achse deutlich und weichen bewusst von einer symmetrischen Darstellung ab. Ich rate Ihnen, bei einem symmetrischen Motiv immer auch eine exakt symmetrische Bildvariante mit anzufertigen.

Durch die lange Brennweite gibt es keine perspektivische Verzeichnung, und die Tanks mit den Stegen wirken sehr grafisch.
Info: 400 mm | f9,0 | 1/320 s | ISO 200

Muster


Muster

Wenn unser Gehirn Regelmässigkeiten erkennen kann, also wiederkehrende Elemente, die gleichmässig angeordnet sind, dann empfinden wir das oft als schön. Bilder mit vielen Details werden durch eine Anordnung als Muster ruhiger und bekommen einen eigenen Reiz. Wenn das Muster zum eigentlichen Bildinhalt wird, kann das Bild allerdings zur formalästhetischen Spielerei werden, das zwar nett anzuschauen ist, aber ansonsten eher langweilig. Muster finden Sie in Technik, Architektur und der Natur, sie entstehen oft als Folge einer Eigenschaft des Objekts oder aus der Optimierung eines Bauplans, zum Beispiel bei Bienenwaben. Eine bessere Raumnutzung und höhere Materialeffizienz als bei dieser sechseckigen Anordnung ist mathematisch nicht möglich. Hier entsteht die Form aus der Funktion, und das beste Ergebnis ist gleichzeitig schön.
Interessant ist es, die Muster mit einer Unregelmässigkeit zu unterbrechen, besonders wenn diese das eigentliche Motiv darstellt. Um die Regelmässigkeit in einem Motiv zu betonen, müssen Sie auf die Perspektive und die Bildränder achten. Das Muster wirkt dann am klarsten, wenn es nicht verzerrt ist und an den Kanten nicht unschön unterbrochen wird. Muster können Ihnen helfen, Ordnung in die Bildfläche zu bekommen und Motive leichter erfassbar zu machen, sie üben einen eigenen ästhetischen Reiz aus.

Das regelmässige Raster des Gerüsts wurde recht unregelmässig mit Planken ausgelegt. Die Konstruktion an diesem Wohnhaus an der Moskwa wirkt so eher fragil und unsicher.
Info: 40 mm, f9, 1/400 s, ISO 100

Gerüst

Die Arbeiterhäuschen in Cornwall verdichten sich zu einem leicht unregelmässigen Muster. Das Bild wurde mit 400 mm Brennweite von einem nahen Berg aus aufgenommen.
Info: 400 mm | f6,3 | 1/500 s | ISO 200

Cornwell