Ausstellungen: Hans Madej

WhiteWall produziert Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, Berlin: Hans Madej. Bilder aus dem Osten.

Nicht nur Hobby- und Profifotografen vertrauen unserem Labor, auch Künstler, Kuratoren und Museen sind von der Qualität unserer Bilder überzeugt und begeistert. Daher freut es uns besonders, die aussergewöhnliche Ausstellung von Hans Madej, „Bilder aus dem Osten“ mit unserer Expertise unterstützt zu haben. Die Bilder waren vom 19. April bis 17. Mai 2012 im Willy-Brandt-Haus, Berlin zu sehen sein.

Lesen Sie mehr zum Thema der Ausstellung und erhalten Sie im Interview mit Hans Madej einen tiefer gehenden Einblick in die Beweggründe und Erfahrungen seiner fotografischen Karriere.

Hans Madej. Bilder aus dem Osten.

Der Fotograf Hans Madej verfolgte den politischen Machtwechsel und die Wende im Osten von 1987 bis 1995 auf zwei Schauplätzen: Dem der grossen Politik sowie dem Schauplatz der irdischen Existenz. Die politische Szene rotierte dabei unvergleichbar schneller als die Szenen des täglichen Lebens. Die Systeme wechselten, die herrschenden Parteien und ihre Führer wechselten, Kriege und Revolutionen kamen und gingen, doch der Mensch lebte, wie er immer gelebt hat. Isoliert durch die totalitäre Herrschaft von den Entwicklungen im Westen, unberührt vom technischen Fortschritt und von den Wertvorstellungen der Konsumgesellschaft haben archaische Lebensformen überlebt. Das Mittelalter beginnt am Ende der Strasse. Mit seiner Kamera nahm Madej teil an den grossen Festen der Roma, am Alltag der Russarbeiter in Rumänien. Er fotografierte die Strassenkinder in Bukarest und die Opfer von Tschernobyl. Er zeigt Gesichter, die noch von einer Zeit erzählen, von der sich die Aufmerksamkeit der Medien längst abgewandt hat. Bilder aus dem Osten - ein kaleidoskopisches Porträt Osteuropas im Zerfall und im Aufbruch.

Hans Madejs fotografische Laufbahn begann 1983 mit Bildstrecken für die Magazine Stern, Geo, Merian und für das Zeitmagazin. Von 1986 bis 1995 erarbeitete er vorwiegend Sozial- und Politikreportagen über Mittel- und Osteuropa, die unter anderem in Paris Match, Sunday Times und New York Times veröffentlicht wurden. Seine Reportagen wurden ausserdem auf dem Internationalen Festival für Fotografie Visa Pour L'Image in Perpignan ausgestellt. Hans Medej ist Preisträger des Deutschen Fotopreises und des Kodak-Fotobuchpreises und Mitglied der Fotoagentur Laif.

Interview mit Hans Madej

Seit 1986 bis 1995 haben Sie hauptsächlich an Sozial- und Politikreportagen über Mittel- und Osteuropa gearbeitet, was hat Sie an diesem Bereich so fasziniert?

Von 1986 bis 1995 war ich Zeuge der sogenannten "Wende" im Osten Europas. Die entscheidende Zäsur in diesem Prozess war das Jahr 1989, das mittlerweile als eines der Schlüsseljahre der Geschichte des 20.Jahrhunderts gilt. Es war ein zutiefst europäisches Jahr, kein nationales Ereignis und keine abgeschlossene Zäsur, sondern ein weltweit historischer, bis heute noch nicht abgeschlossener Prozess, der den gesamten Osten Europas erfasste. Die unmittelbaren Folgen dieser epochalen Zäsur waren von grosser Tragweite: Die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion, die weitgehend friedlichen Revolutionen in den Ostblockstaaten und im Gegensatz zum friedvollen Systemwechsel in Osteuropa der von Gewalt, Krieg und Zwangsemigration gezeichnete Umbruch im ehemaligen Jugoslawien.

Diese Geschehnisse habe ich über einen längeren Zeitraum beobachtet und dokumentiert. Bilder sind für die Erinnerungskultur und das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft besonders wichtig. Die westlichen Europäer, die ihre östlichen Nachbarn verstehen wollen, werden nicht darum herumkommen, sich mit deren Erfahrungen zu beschäftigen. Fotos, die jeder erkennt, sind heute wesentlicher Bestandteil dessen, worüber sich Gesellschaften Gedanken machen oder worüber sie nachzudenken sich vornehmen. Solche Gedanken nennt man gerne "Erinnerung". Die Bilder dieser Ausstellung sollen dazu beitragen, sie sind mein Beitrag. Es gibt kein Nachdenken über das was ist, ohne ein Nachdenken über das, was war. Es war meine bewusste Teilnahme an einem wichtigen Geschehen, das uns alle angeht. Unser aktueller Einsatz für die Zukunft, so lange sie noch nicht eingetreten ist, besteht darin, die Lehren der Vergangenheit gegenwärtig zu halten. Das hat mich fasziniert.

Ist Ihnen eine Reportage aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Vielleicht meine beiden Reportagen für den stern und für Geo 1987 in Ceausescus, Rumänien. Aus oppositionellen Kreisen in Budapest hatte ich gehört, dass sich das Schicksal der ungarischen und deutschen Minorität in Rumänien in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert hatte. In einer bis dahin beispiellosen Zerstörungskampagne schickte Ceausescu seine Bulldozer aufs Land, um die altgewachsenen Dörfer in Trümmer zu legen. Dieses "Systematisierung" genannte Projekt wurde ausgegeben in einer Zeit, in der das rumänische Volk hungerte, weil die sozialistische Planwirtschaft längst kollabiert war. Die Landbevölkerung sollte in agroindustrielle Wohnblocks umgesiedelt werden. Abgesehen davon gaben die als Modernisierungen gepriesenen Eingriffe den Machthabern die Möglichkeit, die kulturellen Botschaften der Minoritäten umzuschreiben. Oder sie sogar komplett auszulöschen.

Ich reiste als Tourist getarnt in Rumänien ein. Kamera und Filme liess ich von befreundeten und eingeweihten DDR-Bürgern, die an der Grenze nicht durchsucht wurden, ins Landesinnere schmuggeln. Ich wurde während dieser Reportage, die unter den schwierigsten Bedingungen zustande kam, Zeuge eines gnadenlosen Kampfes um den kommunistischen "Neuen Menschen", der nach Ceausescus grössenwahnsinnigen Plänen in absehbarer Zukunft in das "Goldene Zeitalter" eintreten sollte und jetzt Lebensart und Kultur der gesamten Bevölkerung vernichtete. Es war die Schreckenskammer menschlicher Verachtung. Ceausescus Zermürbungstaktik - darin den meisten Diktatoren verwandt - konzentrierte sich auf die Zersetzung. Zersetzung als Vorstufe der Zerstörung, Zersetzung von Lebensplänen, von Freundschaften, von jeder Art Glück. Es war die erste Geschichte von der planmässigen Vernichtung der rumänischen Dörfer und sie wurde weltweit in allen grossen Magazinen gedruckt.

Gerade Sozialreportagen bringen es mit sich, dass man mit Themen und Situationen konfrontiert wird, die nur schwer auszuhalten sind - womit hatten Sie am meisten zu kämpfen?

Das Motto der Ausstellung ist ein unveröffentlichtes Zitat von Herta Müller, das sie mir zur Verfügung gestellt hat. Darin heisst es, dass Armut oder Mangel zu den Instrumenten der Macht in Diktaturen gehören, dass Armut Bestandteil und geplante Folge der Ideologie ist. Damit bin ich während meiner Reisen immer wieder konfrontiert worden. Mit Menschen, die um Brot und Würde kämpften. Später dann habe ich Krieg, politische Verfolgung und ethnische Vertreibungen erlebt. Das eindringlich zu vermitteln ist und bleibt das Schwierigste von allem. Das in einem Bild, in einer Geschichte jemandem mitzuteilen, der nicht direkt davon betroffen ist, damit hatte ich am meisten zu kämpfen. Viele Fotografen treten an, uns mit Hilfe ihrer gedruckten Bilder zu verfolgen. Unseren Frieden zu stören, der uns so lieb ist. Sie zwingen uns visuelle Reisen auf, die wir freiwillig nie gemacht hätten. Aber zu sehen, dass heute die Armen immer noch die Mehrheit auf dem Planeten sind, die Armen überall in Zeiten der globalen Entwurzelung sind, das macht nachdenklich, das bestärkt einen in dem ständigen Zweifel, ob die journalistischen Missionen überhaupt etwas am Zustand dieser Welt ändern.

Wie bewahren Sie sich die notwendige Distanz zu Ihrem Job, zu den Menschen vor Ihrer Kamera?

In der Regel funktioniert die Kamera recht gut als Schutzschild zwischen dem, was man abbildet und einem selbst. Ähnlich wie bei einem Arzt, der sich auch nicht mit einem Kranken identifiziert. Er bewahrt Distanz, sonst ist er unfähig, zu helfen. Im Laufe meiner Arbeit ist dieser Schutz immer brüchiger geworden. Durch Mitgefühl, Identifikation, Bewusstwerdung, Anteilnahme. Das hat bei mir schliesslich dazu geführt, dass ich die Fotografie mit 41 Jahren aufgegeben habe.

Es war 1995, da passierte es mir, dass ich meine Fotografie an einer Grenze wähnte, dass ich das Gefühl hatte, hinter den Bildern gebe es immer noch etwas, was ein Fotograf nie vermitteln kann. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich fast ständig auf Reisen gewesen, zumeist in Ländern, wo andere Fotoreporter nicht mehr hingehen wollten. Aus diesen sehr komplexen Zusammenhängen ist dann kurze Zeit später mein erster Film "Das Paradies auf Erden" entstanden, der auch in der Ausstellung gezeigt wird. Erst dieser Film hat mich mit vielem versöhnt, was ich als Fotograf gesehen und erlebt habe. Der Film basiert auf realen Geschehnissen in Ostpolen vor dem Hintergrund einiger Dorfbewohner, die Krieg, Angst, Hunger, Vertreibung und Tod erlebt hatten und die sich in einem hoffnungsvollen Gegenentwurf dazu eine Stadt erbauen wollten, in der man das nicht mehr zu fürchten hätte: "Das Paradies auf Erden". In einem sehr schönen Gedicht mit dem Titel "Alle Tage" schreibt Ingeborg Bachmann: "Der Held bleibt den Kämpfen fern". Die einzige Auszeichnung, die dieser Held der Verweigerung erhält, ist der "armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen". Nachdem ich diesen Film gedreht hatte, hatte ich das Gefühl, meine Arbeit und das, was ich darüber zu sagen habe, abgeschlossen hatte.

Gerieten Sie aufgrund Ihrer Arbeit oft ins Kreuzfeuer der jeweiligen Regierungen und deren Staatsgewalten, die sich Ihnen in den Weg stellen wollte?

Häufig. Manchmal glaube ich, dass ich meine besten Aufnahmen nie gesehen habe. Dann erinnere ich mich an einzelne Szenen, als wären sie in mein Gedächtnis eingebrannt. An die Demonstranten etwa, die im Oktober 1988 in Prag von der Polizei eingekreist wurden: Wie sie sich am Altstädter Ring in den Strahl der Wasserwerfer stellten und ihre Hemden aufrissen. Wie sie mit diesen einfachen Gesten ein Zeichen schufen für ihren gewaltlosen Widerstand und für den Wandel, der schon bald die alten Machthaber hinwegfegen würde. Ich fotografierte, bis ich von ein paar unauffälligen Herren an den Rand gedrängt wurde. Sekunden später war die Kamera leer, ich hatte keinen einzigen Film mehr.

In Sierra Leone, als ich an einer Geschichte über Kindersoldaten arbeitete und wegen Hochverrats vors Kriegsgericht gestellt werden sollte. Ich kam nur auf Intervention des damaligen deutschen Botschafters frei. Die Versteckspiele und Verfolgungsjagden mit der rumänischen Securitate, als mich in einer Kirche die örtlichen Priester an die Geheimpolizei verrieten, weil ich Aufnahmen gemacht hatte.

Viel lieber erinnere ich mich aber an die Beispiele grossartigen moralischen Muts und Zeichen tiefer Freundschaft, die mir viele erwiesen haben, die mich auf meinen Reisen unterstützt haben, obwohl das tief reichende Konsequenzen haben konnte. Es gab menschliche Tugenden und Qualitäten, die unter der politischen Widerwärtigkeit zum Blühen gekommen waren. Und ich frage mich oft, ob diese Qualitäten die Befreiung überlebt haben.

Wenn Sie auf Ihre berufliche Karriere als Fotograf und Journalist zurück blicken - auf was sind Sie besonders stolz?

In der Rückschau hat meine Arbeit für mich heute die Gestalt eines Kreises. Von meinen frühen Anfängen als Fotograf bis hin zu meinem Film hat der Kreis viele Ringe bekommen. Doch alle umrunden das gleiche Zentrum, das sich immer wieder in meinen Bildern findet. Dieses Zentrum handelt von einer der Grundängste der Moderne, der Angst vor dem Verschwinden. Deshalb hat es mich immer wieder zu den verschwindenden Gesellschaften, den archaischen Formen des Lebens gezogen. Das wollte ich immer bewahren, dem Vergessen entreissen. Durch die fortschreitende Entwurzelung und Zerstörung dieser Strukturen durch einen blindwütigen Fortschritt, wollte ich meinen Teil dazu beitragen, diese verschwindenden Lebensformen in der Erinnerung wach zu halten. Simone Weil schrieb einmal: "Die Gegenwart ist etwas, was uns verbindet. Die Zukunft schaffen wir uns in der Realität. Nur die Vergangenheit ist die reine Wirklichkeit". Mit dieser Vergangenheit habe ich mich auseinandergesetzt, mit ihren Wurzeln.

Welche Ihrer Fähigkeiten hilft Ihnen beim Fotografieren am meisten?

Intuition.

Welches Motiv, welches Thema würden Sie gerne noch mal in Angriff nehmen?

Die Bilder, die gezeigt werden, sind beinahe 25 Jahre alt. Ausser in Kroatien bin ich seitdem in keinem der Länder, die ich damals bereist habe, wieder gewesen. Einer der schönsten Momente für mich waren die Ereignisse von 1989, die unvorhersehbar waren, genau wie die darauffolgende Zukunft es war. In den Gesichtern der Menschen damals stand das pure Glück, das sich immer dann ereignet, wenn Menschen sich mit ihrem ganzen Wesen dem gelebten Augenblick hingeben, wenn Sein und Werden dasselbe sind. Mich würde interessieren, was aus diesem Glück über die Befreiung geworden ist.

Zum Schluss würden wir gerne noch eins von Ihnen wissen: Was ist ein gutes Foto?

Ein gutes Foto ist der Ausdruck eines Empfindens für die Unzulänglichkeit des Existierenden. Es verleiht dem Vergänglichen Wert und Sinn und manchmal beschreibt es die Wünsche nach einer Wirklichkeit, in der der Menschlichkeit mehr Respekt gezollt wird.